Siehst du es

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Siehst du es *

"siehst du es?" is a personal essay that explores the many meanings of the German word "Untergrund" — at once a painter's primed canvas, a building's foundation, the subway, and social underground culture. The central idea: every beginning becomes invisible once something new is built on top of it, turning into an unseen "carrier" of identity and belonging. Through examples ranging from tired commuters descending into the U-Bahn, teenagers finding identity in drug culture, and a model-train enthusiast hiding his hobby when guests arrive, to my own mother suppressing her Belarusian identity in Germany only to have it resurface among fellow exiles. The piece examines how people push parts of themselves into an "underground" for the sake of social acceptance. It concludes that the underground is not a place but a condition: an invisible support, noticed only in the moment we enter or leave it.

siehst DU es?

Womit beginnt alles? Je nachdem, wen man fragt, erhält man unterschiedliche

Antworten. Fragt man einen Theologin, sagt er oder sie, dass unser Hiersein durch

den Herrn ermöglicht wurde. Fragt man einen Biologin, erklärt er oder sie, dass die

Evolution uns dorthin gebracht hat, wo wir heute sind. Der Künstler sagt: mit der

Grundierung der Leinwand.

Alles begann – daran ist nicht zu zweifeln. Wie es begann, bleibt jedoch eine Frage,

die sich nur auf der persönlichen Ebene klären lässt. Was ist für mich als Individuum

der Anfang? Ist es die Grundierung der neu gekauften Leinwand? Oder vielleicht das

Gerüst des Hauses auf dem neu angeschafften Grundstück? Betrachtet man diese

Beispiele, fällt auf: Alles, was den Anfang dieser Dinge ausmacht, ist später nicht

mehr sichtbar. Sie sind der Untergrund für das, was neu geschaffen wird.

Der Untergrund ist nicht auf einen Ort oder einen Zustand beschränkt, sondern ein

unsichtbarer Träger: von Bewegung, von Identität und von sozialer Zugehörigkeit.

Die allgemeine Mehrheit beschreibt den Untergrund als Ebene. Vielleicht erkennen

manche noch einen kulturellen Aspekt. Doch jene, die nicht den Großteil ihrer Zeit im

Internet verbringen, nehmen den Untergrund eher als das wahr, was er vermutlich

ist. Für die meisten kommt der „Untergrund“ maximal zwei- bis dreimal am Tag ins

Gedächtnis: Freitagmorgens um sieben, wenn sie übermüdet das weiße U auf

blauem Untergrund sehen und mental noch nicht vorbereitet sind auf den Geruch

von Urin und anderen nicht identifizierbaren Gerüchen; sowie abends um sechs,

wenn sie erschöpft vom Arbeitstag die Treppen hinabgehen, um sich eine Ebene

tiefer zu bewegen, gemeinsam mit hundert anderen Menschen in eine Bahn zu

steigen, die sie an ihr Ziel bringt, nur um anschließend schnellstmöglich wieder eine

Ebene aufzusteigen.

Wenn man allerdings 18 Jahre alt ist und nichts im Kopf außer Gras und Alkohol hat,

ist der Untergrund genau das, womit man sich identifiziert. Oft höre ich Freunde

sagen: „Ich bin so underground.“ Auch wenn sie es nur aus Spaß sagen, ist mir

bewusst, dass ihre Verbindung zum Untergrund eine ganz andere sein muss als dieeines Mitte-40-jährigen Businessmannes. Die Gefahr, die der kulturelle Aspekt des

Untergrunds mit sich bringt, ist für sie deutlich größer als für jemanden, der lediglich

U-Bahn fährt. Dieser muss keine Sorge haben, Drogen zu nehmen, um sich einer

kulturellen Gruppe anzupassen.

So wird der Untergrund beiden Personengruppen nur dann bewusst, wenn sie sich

in ihm befinden. Auch wenn sie ihn gegebenenfalls nicht sehen, ist ihnen bewusst,

dass er existieren muss, damit ihre Identifikation möglich wird. Die Jungs, die im Park

einen Joint rauchen, hätten ohne den kulturellen Untergrund möglicherweise keine

Freunde, und der Mann Mitte vierzig könnte ohne die U-Bahn seine neue Stelle als

Abteilungsleiter nicht antreten.

Die Differenzierung des Untergrunds als Ebene und als soziales Konstrukt zeigt sich

auch in meinem eigenen Leben. Meine Mutter kam nach Deutschland, nachdem sie

in Belarus meinen deutschen Vater kennengelernt hatte. Als sie hier ankam, musste

sie neu anfangen: neues Leben, neue Arbeit, neue Sprache, neue Freunde – alles

war neu.

Wenn ich sie frage, ob sie sich noch „belarussisch“ fühlt, sagt sie „natürlich“, fügt

aber hinzu, dass sie in Deutschland lebt. In meinen Augen baute sie auf dem

Grundbaustein ihrer belarussischen Identität eine deutsche auf. Ihre „typisch

belarussischen Eigenschaften“, die ich von früher kannte, als wir Oma und Opa

besuchten, hat sie im Alltag weitgehend verloren. Als wir auf die Straßen gegangen

sind, um für ein freies Belarus zu kämpfen war sie Belarussisch und trifft sie ihre

Freundinnen, die ein ähnliches Schicksal teilen, wird sofort sichtbar, wie ihre

belarussische Seite wieder zum Vorschein kommt. Dieser Teil ihrer Identität ist

niemals verloren gegangen – er befand sich lediglich in ihrem Untergrund. Aber

warum?

Ich bezweifle, dass Menschen sich bewusst verändern, um sich anzupassen. Doch

viele verändern ihre Persönlichkeit, um einer sozialen Gruppe angehören zu können.

Sie beginnen, sich für Dinge zu schämen, die sie seit Jahren tun. Ein Mensch kann

sein halbes Leben ein großer Fan von Modelleisenbahnen sein – kommen Freunde

zu Besuch, entscheidet er sich jedoch aktiv dafür, diese in den Keller zu stellen.Nachdem die Gäste gegangen sind, wird die Eisenbahn wieder ausgepackt – doch

auch das ist nicht sicher. Die Eigenschaft des Eisenbahnfans wird temporär in den

bewussten Untergrund verschoben. Ist der Wunsch nach Akzeptanz in diesem Fall

größer als der Mut, für das einzustehen, was man tut? Verschieben wir persönliche

Merkmale für den Komfort sozialer Gemeinschaft an einen Ort, an dem nicht bewusst

ist, ob sie jemals zurückkehren?

Vielleicht ist der Untergrund gefährlich und wir nehmen es in Kauf. Jeden Tag nimmt

es der Arbeiter in Kauf, wenn er runter zur U-Bahn geht. Jeden Tag nimmt es der

Jugendliche in Kauf der sich den Joint anzündet. Jeden Tag nimmt es der Kollege in

Kauf, wenn er die Eisenbahn wegstellt. Die Gefahr ist bewusst, aber es gibt Sachen,

für die es uns Wert ist, den Untergrund anzunehmen. Der Untergrund ist also nicht

nur ein Ort, sondern eine Bedingung und ein Zustand. Er trägt, ohne sichtbar zu sein,

und wird erst dann wahrgenommen, wenn man ihn betritt oder verlässt. In meiner

Auseinandersetzung interessiert mich weniger der spektakuläre Untergrund als

kulturelles Label, sondern der funktionale und zugleich verdrängte Untergrund des

Alltags: jener Raum, in dem Bewegung möglich wird, ohne dass man ihm

Aufmerksamkeit schenkt.